Sonntag, 6. April 2008

Barocke Zeiten

Seit Donnerstag läuft der sechste Chemoblock, ein langer diesmal, acht Tage plus zwei Tage Spültropf. Greta ist nur manchmal leicht sediert und gibt ihr Essen von sich, sonst ist alles ok mit ihr. In der Nahrungsaufnahme ist sie ohnehin wählerisch, nicht nur weil sie ein weibliches Mitglied der Lenger-Schmal-Familie ist. Was hat sie am Wochenende gegessen? Die halbe Hälfte eines Nutellabrötchens, zwei Löffel Apfelmus, vier Löffel Joghurt, anderthalb Lollis, die Zunge und Zähne blau machen, eine halbe Scheibe Brot, heute früh einen Haps Ei, der prompt wieder herauskam. Besser gingen ein halber Butterkeks und zwei Äpfel, dazu über den Tag verteilt 74 kleine weiße PEZ-Bonbons, jenes phänomenale Produkt, das aus Österreich kommt und das man schon in meiner Kindheit in gleicher Form aus dem Spender ziehen konnte. Der Spültropf, der beständig läuft, enthält immer eine Zuckerlösung, so dass der Appetit von Greta nicht gar so wichtig ist.
Gestern hatte die strenge Oberschwester Dienst, das hieß: das Bett nicht verlassen, solange die Chemo läuft. Kein elterliches Essen im Krankenzimmer und: den Nachttisch aufräumen. Die Stimmung war gut auf KiK 4. Eltern und Kinder trafen sich im Spielzimmer und tauschten sich aus. An uns ging diese Stimmung diesmal weitgehend vorbei. Es gibt übrigens viele Eltern, die froh sind, wenn sie in ihrem Zimmer bleiben können. Nicht dass sie dann mit ihrem kranken Kind reden würden. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass Greta und ich im Vergleich zu vielen anderen Eltern-Kind-Pärchen die reinsten Plaudertaschen sind, das muss an Greta liegen. Ein bisschen liegt es auch an Sachsen. Was die Mitteilungsfreude anbetrifft, sind die Menschen hier definitiv keine Süddeutschen und schon gar keine Rheinländer. Selbst in Niedersachsen reden sie mehr.
Meine Sozialkontakte spielen sich zunehmend übers Handy ab. Per SMS habe ich heute erst eine Geburt beglückwünscht, dann gleich einem Hinterbliebenen kondoliert. Trotz fortgeschrittener Kommunikationstechnologie nimmt das Lebensgefühl zunehmend barocke Züge an. Leben und Tod liegen dicht beieinander, nichts ist mehr sicher. Bleibt die Ernte aus, müssen die Menschen weiterziehen. Ein alter Freund ist gerade gefeuert worden. Was haben Steffi und ich in unseren ersten 19 Jahren erlebt? Immer die gleiche Straße, fast die gleichen Nachbarn, eine Mutter, die zuhause war und einen Vater, der irgendwo in der Stadt zum Arbeiten ging. Na gut, meiner wurde eines Tages pensioniert, aber da er als Lehrer ohnehin immer schon mittags zuhause war, machte das für mich keinen Unterschied. Ansonsten über Jahre hinweg keine besonderen Vorkommnisse. Stella und Clara werden sich dereinst keine so friedliche Jugend zuschreiben können.
Die beiden Großen haben derweil gelernt, wie man mit Nutella Schokoladen-Muffins herstellt und wie man Papierflieger verschiedenster Art produziert. Ich hatte immer geahnt, dass es jenseits des Windpfeils und des Standard-Gleiters noch andere Möglichkeiten geben müsse, nun wissen wir, dass es tatsächlich noch Milan, Schmetterling, Turboprop, Libelle und viel anderes Getier gibt, welches man aus einem Blatt Papier falten kann und das dann sogar flugfähig ist. Wir haben dem Barockzeitalter doch viele Dinge voraus.

1 Kommentar:

Unknown hat gesagt…

Daß ilhr aus dem Papier tatsächlich flugfähige Obejekte produziert, find ich beeindruckend. Mich haben diese Dinger restlos überfordert.


Für Greta hoff ich, daß sie jetzt dann wenigstens bis zur Chemo eine Erholungspause vom Krankenhaus hat und daß das MRT Gutes zeigt.